Ein wertloses Leben

 

Ich erinnere mich noch genau an meinen ersten Tag. Wie eine kleine Armee setzten wir uns alle im Gleichschritt in Bewegung. Jeder von uns sah gleich aus, wie wir diese dunkle Straße entlang bis zum Ende begingen. Man sagte, am Ende dieser Straße würden wir den Weg zu unserer Bestimmung beschreiten. So war ich voller Vorfreude auf diesen Abgrund, der das Ende unserer ersten Etappe markieren sollte. Auch meine Brüder und Schwestern waren aufgeregt. Ich hörte Schreie der Panik ebenso wie das tränenlose Weinen der Angst oder auch das Lachen des grenzenlosen Optimismus. Ich sah keine Veranlassung für Panik. Besucher von Außen hatten oft davon erzählt, dass wir unentbehrlich für die Welt sind. In dem Bewusstsein ließ ich mich auch frei von Bedenken in den Abgrund fallen – nur, um kurz darauf einen abrupten Aufprall zu spüren. Ich war auf mehreren meiner Brüder gelandet, die mit mir zusammen in einem großen, glänzenden Trichter zu sein schienen. Während meine Brüder unter mir wie von Treibsand hinabgezogen wurden, betrachtete ich mein leicht verzerrtes Spiegelbild in der Wand dieses Behälters. Der Sturz hatte mir nicht geschadet, ich sah noch immer perfekt aus. Mein makelloser silberner Körper war umrandet von einem ebenso glänzenden Gold. Wie mein Geburtsjahr auf meinem Rücken, stand mein Name auf meiner Brust: Ich war „1 EURO“.

Nachdem wir durch ein Loch im Boden auf eine neue Straße gefallen waren, gelangten wir zu einem Sammelplatz, wo uns der erste wirkliche Kontakt mit den Menschen bevorstand. Behandschuhte, flinke Menschenhände pressten uns aneinander und rollten uns in Teams von je 25 Münzen in ein gelbes Papier ein. Ich wusste nicht, was es zu bedeuten hatte, doch ich hoffte inständig, dass ich bald wieder Freiheit genießen und meine Bestimmung erfüllen konnte. Ich hatte das Glück, keine allzu ängstlichen Kameraden zu erwischen. Wo auch immer wir zusammengepfercht waren, hörte ich jedoch andere Teams, die sich mit Gruselgeschichten von der sofortigen Vernichtung verrückt machten. Ich hingegen blieb konzentriert und positiv, ich hatte noch viel vor in meinem Leben. Ich weiß nicht, wie lange wir in diesem gelben Papier gefangen waren, es fühlte sich an wie eine Ewigkeit. Plötzlich jedoch spürte ich eine heftige Erschütterung, gefolgt von einem lauten Knall. Und dann war da Licht. Erst kam es nur durch einen kleinen Spalt, doch wenige Augenblicke später fiel ich bereits kopfüber in die nächste Etappe meiner Reise. Im Angesicht der Ungewissheit fand ich mich in einer Kasse wieder, begleitet von vielen Gleichgesinnten. Manche von ihnen waren ebenso makellos und glänzend wie ich, Andere hatten offenbar schon Einiges erlebt, waren sie doch zerkratzt, beschmutzt und hatten teilweise jeglichen Glanz verloren. Doch gerade, als ich mir ein paar Geschichten über die Menschen anhören wollte, öffnete sich die Kasse und die rauen Hände eines Menschen griffen nach mir und ein paar meiner Freunde. Sie legten uns in die warmen, gepflegten Hände einer jungen Frau. Sie blickte mich kurz prüfend an und ließ mich sogleich von ihrer Hand in eine Geldbörse gleiten. Jetzt fand ich mich also in der Geldbörse dieser jungen Frau wieder, die mich zwar kurz angesehen, aber im Prinzip gar nicht beachtet hatte. Ein bisschen verwundert und enttäuscht war ich schon. Dafür, dass ich so unentbehrlich für die Menschen sein sollte, wurde mir aber keine allzu große Beachtung geschenkt. Aber wer weiß, vielleicht würde sich das ja noch ändern. In der Zwischenzeit betrachtete ich, wo ich war. Zusammen mit ein paar weiteren Münzen befand ich mich in einem wahren Chaos. Zusammen mit einem höherrangigen Kollegen – einer 10-Euro-Note – und mehreren beschrifteten Papieren waren wir in einem offenkundig ziemlich alten Exemplar einer Geldbörse aufbewahrt. Krümel und losgelöste Fussel machten sich über uns Münzen her und blieb an uns, auch an mir, kleben. Eine verbogene Klammer für das Haar der Menschen zerkratzte mich mehrfach und ein nur noch eher schlecht als recht in Papier gewickeltes Kaugummi drohte, sich für uns zu entblößen. Inständig hoffte ich, bald hier herauszukommen, denn das hier konnte ja wohl kaum meine Bestimmung sein, unbeachtet und vergessen in einem chaotischen Geldbeutel zu sein […].

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